15. September 2006

Investor Relations: Form vor Text?

Die Aufgabe für uns Studierende des Nachdiplomstudiums in Communication Management an der HSW Luzern: Analysiert den Bereich Investor Relations auf der Website eines kotierten Schweizer Unternehmens.

Unser Analyseraster: Die Bewertungskriterien des Webratings 2004 der Gesellschaft der Investor Relations Agenturen der Schweiz (GIRAS).

Unsere Gruppe schnappt sich - völlig zufällig - die Website von Galenica.

Nach zwanzig Minuten kommen wir zum Schluss: Nicht schlecht, aber auch nicht überragend. Note (wir sind ja in der Schule): eine gute 4.

Interessant ist, dass der Bewertungskatalog Sprache und Lesbarkeit nicht berücksichtigt. Er beschränkt sich vor allem auf technische und inhaltliche Aspekte.

Ich füge also die Bewertungskategorie «Lesbarkeit» an und analysiere die Seite «Die Zukunftsvision von Galenica»:


Mein Urteil über die Website wird deutlich negativer, denn dieser Text ist schlicht unlesbar. Warum?

Zuerst einmal wegen gestalterischen Dummheiten:
  • Die Zeilen sind bis zu 100 Zeichen breit. In Zeitungen sind es meist um die 35.
  • Grossbuchstaben erschweren das Lesen zusätzlich, denn es gibt keine unterschiedlichen Buchstabenhöhen, die dem Auge das Gruppieren erleichtern.
Auch der Schreiberling (ich hoffe, es war kein professioneller Texter) patzte:
  • Der zweite Abschnitt ist ein einziger Bandwurmsatz von über 50 Wörtern
  • Der Text strotzt vor Platitüden: «Mit Weitblick Markttrends antizipieren», «Chancen und Risiken abwägen», «Weichen für eine erfolgreiche Zukunft stellen» sind drei Beispiele allein aus dem ersten Absatz.
Insgesamt ist die Aussage des Textes praktisch null.

Wer böse sein will, interpretiert es so: Die Firma hat gar keine Vision und versucht dies wortreich zu kaschieren.

Vielleicht fehlt Galenica auch bloss das Bewusstsein dafür, dass nur Texte, die der Leser versteht, eine Botschaft vermitteln können. Dass die GIRAS - eine Vereinigung von Kommunikationsprofis - Sprache und Lesbarkeit nicht analysiert, unterstreicht diese Interpretation.

Wer etwas weiter in der Galenica-Website grübelt, stellt fest, dass der Text über die Vision einfach aus dem Geschäftsbericht (Seite 7) gecopypastet wurde.

Man merke: Printtexte funktionieren nicht einfach so als Webtexte. Schlechte Printtexte erst recht nicht.

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