19. Januar 2007

Erfindet die «Tagesschau in 100 Sekunden» das Fernsehen neu?

Seit einigen Tagen teste ich die «Tagesschau in 100 Minuten», die Swisscom gegenwärtig mächtig bewirbt und vom Schweizer Fernsehen produziert wird.

Kurz zum Aufbau:
  • Signet
  • Begrüssung durch Moderator/in im Stil von: «Guten Tag, ich bin XY von der Tagesschau. Hier das Wichtigste in 100 Sekunden»
  • 4 Beiträge zu je 15 bis 20 Sekunden
  • Zwischenmoderation im Sinne von «Und nun zu den Börsen und zum Wetter»
  • Börsenidizes (SMI plus Tokio am Morgen, New York am Abend)
  • Wetter (Wetterkarte wie auf SF-Website mit aktuellen Temperaturen)
  • Schlusssignet und Hinweis auf nächste Tagesschau in 100 Sekunden
Ein (leider älteres) Beispiel zeigt Swisscom Mobile auf Ihrer Website.

Die hohe Aktualtät fällt positiv auf - von 7 bis 23 Uhr wird die Sendung laufend aktualisiert. Jedes mal wird etwa ein Bericht ausgewechselt oder überarbeitet. So liessen sich gestern ab 17 Uhr der Sturm Kyrill und seine Folgen in Europa gut mit der der Tagesschau in 100 Sekunden verfolgen.

Weitere Themen des gestrigen Nachmittags / Abends:
  • Bombenanschlag in Baghdad (bis 16 Uhr)
  • US-Aussenministerin Rice in Berlin(bis 18 Uhr)
  • Rekordgewinn von Novartis (bis 21 Uhr)
  • Rücktritt Stoibers
  • Swissair Prozess (ab18 Uhr)
  • Kyrill in der Schweiz (ab 21 Uhr)
Die Themenwahl deckte sich damit stark mit der gestrigen Hauptausgabe der Tagesschau.

Selbstverständlich gehen die Berichte bei der Kürze nicht in die Tiefe. Auch sind sie recht monoton, denn es erzählt immer ein Sprecher / eine Sprecherin die Geschichte im Off. Statements, Interviews oder so gibt es nicht.

(Kurzer Seitenblick für Kommunikationsfachleute in Unternehmen und Organisationen: In der heutigen Form muss die Tagesschau in 100 Sekunden nicht als separat zu bedienender Kanal betrachtet werden. Es werden nur Agenturmeldungen und SF-Material verwendet, keine eigenen Geschichten)

Zu den Bildern: Ganz offensichtlich versuchen die Produzenten plakative Bilder mit einem klaren Bildaufbau zu finden. Gut zeigte sich das bei der Stoiber-Geschichte gestern. In einer ersten Version war Stoiber umringt von einer Journalistenmeute zu sehen - sehr unruhig und darum kaum erkennbar auf dem kleinen Bildschirm. Anschliessend wurden die Bilder ersetzt durch Stoiber bei einer Rede vor bayrisch-blauem Hintergrund. Diese Bilder wirkten viel besser.
Schwierig sind nicht nur Bilder mit mit vielen Details - auch Bilder mit hoher Bewegung funktionieren nur schlecht. Vor allem im Sport behilft sich die Tagesschau in 100 Sekunden immer wieder mit Fotos, die zum Teil überblendet werden. Das wirkt auf dem kleinen Bildschirm zwar besser, es ist allerdings fraglich, ob dies noch als Fernsehen bezeichnet werden kann.

Grafiken und Karten sind hingegen optimal für das kleine Format aufgearbeitet.

Von der technischen Seite ist die Benutzerfreundlichkeit nicht optimal. Ich muss mehrmals «Ok», «weiter» und dann «abspielen» drücken, bis die Sendung beginnt. Dazwischen sind immer ein paar Sekunden warten. Ok, es sind nur ein paar Sekunden, da die Sendung aber so kurz ist, fällt es ins Gewicht.

Kommt dazu, dass ich häufig Unterbrüche während der Sendung habe. Im fahrenden Zug scheint mir dies noch verständlich (da lief gar nichts mehr), aber warum passiert das auch in meiner Wohnung mitten in Zürich? Vielleicht ist es mit einem UMTS-Handy besser - meins hat nur das langsamere EDGE.

Mein Fazit generell: Ich finde es sehr gut, dass SF und Swisscom versuchen, neue Formate für das Handy zu entwickeln. Ich kann mir die normale Tagesschau mit ihren Kamerafahrten, Bildschirmen im Hintergrund etc. auf dem Handy echt nicht vorstellen.

Die Frage stellt sich vielmehr, ob man mit diesen Häppchen-News zufrieden ist.

Und ob man bereit ist, dafür zu bezahlen. 1 Franken pro Abruf, respektive 9 Franken im Monat finde ich recht viel dafür.

Und trotzdem frage ich mich, wie die Produktionskosten gedeckt werden. Auch wenn die «Moderationen» ab Konserve eingespielt werden (oder tragen Cornelia Bösch, Franz Fischlin und Katja Stauber wirklich immer die gleichen Kleider?) - mindestens zwei Personen dürften pro Tag für die 16-stündige Sendezeit im Einsatz stehen. Und das kostet.

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