9. Januar 2007

Was Leser vertreibt: Quotenkiller im Print

Es gibt viele Tipps, wie man den Leser fesselt, die Leserin unterhält.

Doch warum schauen wir die Sache nicht mal von der anderen Seite an?

Was vertreibt den Leser? Wann blättert die Leserin um?

Die Readerscan-Methode analysiert, wo Leser aus dem Text aussteigen. In der aktuellen Journalisten-Werkstatt «Quotenkiller Print» listet der Autos Peter Linden drei Elemente auf, die den Leser vergraulen:
  • Zitat
  • Statik
  • Moderation
Kurz zusammengefasst, die wichtigsten Erkenntnisse und Lösungen:

Quotenkiller Zitat
  • Es steigen mehr Leser am Anfang eine Textes aus, wenn der Text mit einem Zitat beginnt.
  • Zitate stören im szenischen Kontext, wenn sie nicht authentisch sind.
  • Zitate stören, wenn sie zu lang sind und gehäuft auftreten.
Darum:
  1. Keine Zitate im ersten Satz, ausser das Zitat selbst ist Thema.
  2. Keine Zitate im szenischen Kontext, ausser sie sind authentisch und richten sich an eine explizit anwesende Person.
  3. Zitate über den gesamten Text verteilen und nicht am Ende häufen.
  4. Nur zitieren, was der Autor nicht selber sagen kann oder darf: Meinungen, Prognosen, Provokationen.
Quotenkiller Statik
  • Leser kapitulieren, wenn ihnen der Autor nicht hilft, das Kino im Kopf in Gang zu setzen.
  • Leser dulden oder wünschen statische Informationen umso mehr, je bewegter sie selbst sind.
Darum:
  1. Themen, die nicht die Welt bewegen, müssen vom Autor bewegt werden.
  2. Bewegung im Text entsteht durch aktive Verben.
  3. Bewegung im Verb wird blockiert durch statische Verben und passive Verben.
  4. Bewegung im Text wird blockiert durch den Nominalstil.
Quotenkiller Moderation
  • Leser wollen nicht vom Autor befragt werden, sondern selber Fragen stellen.
  • Adjektive erzeugen keine Bewegung. Sie kommentieren.
  • Negationen schaden dem Leserinteresse
  • Chronologie erzeugt beim Leser Langeweile.
Darum:
  1. Fragen haben nur Sinn, wenn sie rhetorischer Natur sind. Ansonsten: So erzählen, dass sich der Leser die gewünschte Frage selbst stellt.
  2. Adjektive kommentieren öfter als sie informieren. Wieder gilt: So erzählen, dass sich das gewünschte Gefühl beim Leser selbst einstellt.
  3. Negationen stören fast immer den Assoziationsfluss.
  4. Chronologie meiden. Es sei denn, in der tatsächlichen Chronologie liegt die Spannung der Geschichte.
Details und zahlreiche Beispiele sind zu finden in der neusten Journalisten-Werkstatt mit dem Titel «Quotenkiller Print».

Erschienen als Beilage der Dezember/Januar-Ausgabe des «Schweizer Journalist», einzeln hier zu bestellen (scrollen, direkter Link leider nicht möglich) oder per Mail vertrieb@oberauer.com.

PS: Mit dem Erfinder der Readerscan-Methode, Carlo Imboden, gibt es hier ein zwar schon etwas älteres, aber interessantes Interview.

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